Adieu P-Wagen

Abschiedsschild

Abschiedsschild

Dieses Schild habe ich am Montag hinter der Windschutzscheibe eines Zuges der Linie U5 gefunden. Gestern, am 28. März 2016, endete eine Ära im Frankfurter U-Bahn und Straßenbahnbetrieb. Die letzte Linie, die planmäßig mit P-Wagen gefahren wurde, hat die uralten Fahrzeuge verloren.

Eigentlich weine ich diesen Fahrzeugen keine Träne nach. Meiner Freundin ist beim Einsteigen über die hohen Treppenstufen der Meniskus gerissen.  Ich selbst kam in meiner Krückenzeit kaum rein oder raus. Trotzdem finde ich es schade, denn es verschwindet ein Fahrzeug aus dem Stadtbild, das beinahe so alt ist wie ich und mich somit mein Leben lang begleitet hat.

Bitte Zurücktreten

Bitte zurücktreten

Alleinstellungsmerkmal dieses Fahrzeugs im Vergleich zu den übrigen Fahrzeugen ist die Möglichkeit, sowohl an Hochbahnsteigen der U-Bahn als auch an niedrigen Bahnsteigen auf Straßenniveau halten zu können. Dazu hat man vor vielen, vielen Jahren einen großen Teil der vorhandenen P-Wagen auf Klapptrittstufen umgebaut. Als Schüler haben wir schnell gelernt, dass man mit den Stufen nicht „Aufzug“ nach unten fahren kann. Steht man oben auf den Stufen, können sich die Leute draußen die Finger wund drücken, sie kommen nicht herein. Dieses Spiel spielten wir dann gerne, bis der Fahrer ein Machtwort sprach und die Stufen nach unten fahren konnten.

Klapptrittstufen

Klapptrittstufen

 

 

Wer über diese Klapptrittstufen schon einmal einen Kinderwagen, einen Rollkoffer oder einen anderen sperrigen Gegenstand in den Zug geschleppt oder aus dem Zug gehoben hat, schließt sich sicherlich meiner Meinung an.

Der Innenbereich war angenehm. Mit bequemen Sitzen und kleinen Tischen hat er mir immer gut gefallen. Auch die Polsterung der Sitze war bequem. Dadurch, dass im mittleren Fahrzeugteil keine Türen eingebaut waren, konnte man dort auch zumeist einen der bequemen Sitze ergattern. Die Frankfurter stehen schon immer in den Türbereichen herum und damit im Weg, da können in der Mitte noch so viele Sitzplätze frei sein.

Bequeme Sitze

Bequeme Sitze

Irgendwann später versuchte man dann, diese Sitze zu „verbessern“, indem man sie vandalismusresistent gestaltet. Das war in meinen Augen eine Fehlleistung, denn die umgestalteten Sitze sind steinhart und unbequem. Damals konnten wir im P-Wagen aber schon sehen, wie das mit den Sitzen in den übrigen Fahrzeugen in der Zukunft wohl aussehen wird.

Unbequeme Sitze

Unbequeme Sitze

Diese Fahrzeuge habe ich immer zu meiden gesucht – außer jetzt, in den letzten Tagen des Linienbetriebs. Eine Innenaufnahme musste sein, denn so schön kann man nie wieder den 1970er-Jahre-Komfort mit der 1990er-Jahre-Steinzeit vergleichen.

Aussteigende Fahrgäste am neuen jüdischen Friedhof

Aussteigende Fahrgäste am neuen jüdischen Friedhof

In der Praxis sah das mit dem Aussteigen dann so aus, wie auf dem oberen Bild. Die ältere Frau rechts klettert mit ihren schweren Tüten Stufe für Stufe herunter. Auch die Stufenhöhe war enorm. Ich weine diesem Fahrzeug keine Träne nach.

Die U5 war schon in Jugendtagen nie die superschnelle Verbindung. Ich konnte immer schneller mit der U1, U2 oder U3 nach Hause fahren. Dennoch mochte ich diese Linie schon als Kind, da sie aufgrund des straßenbahnigen Charakters viel mehr Ausblicke ermöglicht als die anderen Linien.

Kurz nach der Tunnelausfahrt

Kurz nach der Tunnelausfahrt

Wenn die U5 den Tunnel nach der Haltestelle Konstablerwache verlässt, verwandelt sie sich sofort in eine waschechte Straßenbahn. Erst nach einigen Haltestellen bekommt sie einen eigenen Gleiskörper.

Musterschule stadteinwärts

Musterschule stadteinwärts

Die Haltestelle Musterschule war ein Grund für den langen Einsatz der P-Wagen im U-Bahnbereich. Hier konnte die VGF bislang noch keinen Hochbahnsteig für moderne U-Bahnwagen bauen. Das geschieht derzeit (April 2016 bis August 2016), weil man sich endlich auf einen konsensfähigen Bauplan einigen konnte.

Glauburgstraße - unvergessenes Ambiente

Glauburgstraße – unvergessenes Ambiente

Der andere Grund war die Haltestelle Glauburgstraße. Auch hier gibt es noch keinen Bahnsteig. Mit Hochbahnsteigen könnte der Flitzer auf der rechten Bildseite nicht so schnell noch in den Zug (bzw. auf die Stufe) springen.

Jetzt können wir uns auf fünf Monate Schienenersatzverkehr einstellen. Die VGF hat sogar Fahrkartenautomaten an den Nachtbushaltestellen aufgestellt. Anschließend wird die Linie dann mit normalen U-Bahnfahrzeugen bedient.

Nachtbushaltestelle Hauptfriedhof mit Fahrkartenautomat

Nachtbushaltestelle Hauptfriedhof mit Fahrkartenautomat

 

In den letzten Betriebstagen liefen jedenfalls viele Straßenbahnfotografen herum. Ich selbst mag mich da nicht ausnehmen, ich hätte früher losziehen und diese Bilder bei anständigem Sonnenschein machen sollen. Aber ganz ohne Sonnenschein kann man auch auskommen, dann muß man sich jedenfalls nicht nach der Sonne richten, wenn man fotografiert.

Unter den Fotografen waren auch viele sehr junge Straßenbahnfans. Da freut man sich, wenn der Fahrer noch so viel Spaß an seinem Job hat, dass er diese jungen Fans an der Endhaltestelle betreut und den Straßenbahnfahrer-Spagat übt…

Straßenbahnfahrer-Spagat

Straßenbahnfahrer-Spagat

Ich weine dem P-Wagen mit seinen Klappstufen keine Träne nach. Ich werde ihn trotzdem vermissen.

 

Ein Gedanke zu „Adieu P-Wagen

  1. ich

    für die verbaute Technik waren die P nachdem die Kinderkrankheiten auskuriert waren doch recht zuverlässig. Die wenigsten werden wohl verschrotten und fahren irgendwo weiter.

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